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- Schützt der Motorradhelm das Gehör?
- Wie viel Lärm hält ein Motorradhelm tatsächlich ab?
- Wie laut wird es unter dem Helm bei 100 km/h?
- Spielt der Helmtyp oder das Motorrad eine Rolle?
- Wie kannst du Windgeräusche im Motorradhelm reduzieren?
- Reicht ein leiserer Helm, damit du keine Ohrstöpsel brauchst?
- Kann Fahren mit Helm das Gehör schädigen?
- Wie sieht ein vollständiger Gehörschutz auf dem Motorrad aus?
Das Wichtigste in Kürze
Nach einer langen Autobahnetappe summt es in den Ohren, und fast jeder Motorradfahrer fragt sich irgendwann: Schützt der Motorradhelm das Gehör nicht ohnehin? Der Helm sitzt eng, er verdeckt die Ohren, und beim Aufsetzen wird die Welt spürbar leiser. Das klingt nach Schutz.
Die Messungen sprechen eine andere Sprache. Ein Helm ist dafür gebaut, bei einem Sturz Energie aufzunehmen. Gehörschutz gehört nicht zu seinen Aufgaben, und genau dort bleibt er hinter dem zurück, was Fahrtwind und Motor am Ohr anrichten. In diesem Ratgeber siehst du, was ein Helm akustisch wirklich leistet, wie du Windgeräusche im Helm mit einfachen Mitteln senkst und warum beides zusammen am besten funktioniert. Einen Überblick über das ganze Thema findest du in unserem Ratgeber zu Ohrstöpseln für Motorradfahrer.
Schützt der Motorradhelm das Gehör?
Nein. Ein Motorradhelm ist auf den Schutz des Kopfes bei einem Unfall ausgelegt. Dass es darin leiser ist als draußen, ist ein Nebeneffekt von Schale, Polsterung und Wangenpolstern und kein gezieltes Schutzmerkmal.
Der Eindruck vom Stillstand täuscht. Im Stand wirkt ein geschlossener Integralhelm angenehm gedämpft. Sobald du fährst, wird der Helm von einem Schutz zu einer Lärmquelle, weil die Luft an Schale, Visierkante und Kinnpartie verwirbelt. Das Institut ISVR, das Geräusche unter Helmen an Polizeimotorrädern gemessen hat, beschreibt es so: Ab etwa 65 km/h übertrifft das Windgeräusch den Lärm des Motorrads selbst (ISVR Consulting, Noise levels under motorcycle helmets).
Wie viel Lärm hält ein Motorradhelm tatsächlich ab?
Weniger, als viele denken, und vor allem ungleichmäßig. Eine Messung von Młyński und Kollegen am CIOP in Polen an drei Nolan-Helmen fand unterhalb von 250 Hz im Wesentlichen keinen Schutz vor Außengeräuschen. Oberhalb von 500 Hz stieg die Dämmung mit 8 bis 9 dB pro Oktave an und erreichte bei 8 kHz rund 30 dB.
Wichtig ist der Nachsatz der Autoren: Die Messung berücksichtigt nicht den Lärm, den turbulenter Wind um den Helm erzeugt. Die Werte beschreiben also die besten Hörbedingungen, die ein Fahrer im Helm haben kann. Im Fahrbetrieb mit Fahrtwind kommt es nicht besser. Eine einzelne Zahl wie „ein Helm dämpft X dB“ ist deshalb nicht belastbar, und wir nennen hier bewusst keine.
Dazu kommt ein Nebeneffekt, den dieselbe Studie anspricht: Die starke Dämmung der hohen Frequenzen kann die Verständlichkeit von Sprachsignalen im Helm verschlechtern. Ein Helm macht also nicht einfach alles leiser, er verändert auch, was du hörst.
Wie laut wird es unter dem Helm bei 100 km/h?
Sehr unterschiedlich, je nach Helm. Der ADAC hat in seinen Helmtests den Geräuschpegel gemessen und nennt bei 100 km/h einen mittleren Schalldruckpegel von rund 84 dB(A) beim leisesten Helm, 92 dB(A) beim zweiten und fast 95 dB(A) beim lautesten. Zwischen dem leisesten und dem lautesten Helm liegen damit rund 11 dB, und schon 3 dB(A) werden als Verdopplung des Lärms empfunden.
Zur Einordnung zieht der ADAC Werte aus dem Arbeitsschutz heran: Ab 85 dB(A) gelten Bereiche als Lärmbereiche, in denen Gehörschutz zur Verfügung gestellt werden muss, ab 90 dB(A) muss er getragen werden. Diese Regeln gelten für Arbeitsplätze und nicht für die Freizeitfahrt, sie zeigen aber, in welcher Größenordnung die Belastung liegt. ISVR fand bei Berufsfahrern ohne Gehörschutz regelmäßig Tagesexpositionen über 90 dB(A). Wie sich der Pegel mit dem Tempo verändert, erklären wir im Ratgeber wie laut Windgeräusche im Helm werden.
Spielt der Helmtyp oder das Motorrad eine Rolle?
Ja, und zwar stärker, als die Helmwahl allein vermuten lässt. Bei den ISVR-Messungen hing die Reihenfolge der Helme vom Motorrad ab, insbesondere von der Höhe der Scheibe. Ein Helm, der auf einer Maschine vergleichsweise leise ist, kann auf einer anderen vergleichsweise laut sein. Das Institut fand außerdem, dass die Hauptquelle im Windkanal die Turbulenz am Rand des Windschattens der Scheibe war, die auf den Helm trifft.
Ein „leiser Helm“ aus einem Test ist deshalb immer eine Momentaufnahme: ein Helm, ein Motorrad, eine Scheibenhöhe, eine Sitzposition. Ob er bei dir leise ist, merkst du erst auf deiner Maschine.
Wie kannst du Windgeräusche im Motorradhelm reduzieren?
Mit ein paar Stellschrauben, die zusammen spürbar etwas bringen. Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Diese Maßnahmen verbessern den Luftstrom und damit den Lärm, den der Helm selbst erzeugt. Sie machen aus dem Helm keinen Gehörschutz. Die Reihenfolge, in der sie sich lohnen:
1. Helmgröße und Sitz prüfen. Ein Helm, der zu groß ist oder wackelt, lässt Luft an den Rändern durch und verwirbelt sie. Er soll ringsum fest, aber ohne Druckstellen anliegen. Im Zweifel hilft eine Anprobe im Fachhandel, auch mit den Ohrstöpseln, die du tragen willst.
2. Nackenbereich abdichten. Nach den ISVR-Messungen lenken niedrige Scheiben die Turbulenz auf den Helmrand am Hals. Dann kann eine bessere Abdichtung am Nacken den Pegel senken. Viele Fahrer nutzen dafür einen Nackenwulst, einen Halsschlauch, ein Halstuch oder eine Sturmhaube, die die Lücke zwischen Helm und Jacke schließen. Wie viel das im Einzelfall bringt, ist nicht genormt gemessen und hängt vom Helm ab.
3. Visier schließen und Dichtung prüfen. Bei hohen Scheiben trifft die Turbulenz laut ISVR eher Visier und Stirn, dann hilft eine bessere Abdichtung zwischen Visier und Helmschale. Ein geöffnetes oder einen Spalt weit offenes Visier lässt dagegen Wind direkt ans Ohr. Verschlissene Dichtungsgummis sind ein typischer Kandidat, den du ersetzen kannst.
4. Kinnschutz und Windabweiser prüfen. Manche Helme haben einen einsetzbaren Kinnabweiser, der die Luft am Kinn vorbeilenkt, und ein Windabweiser unter dem Kinnteil kann Verwirbelungen am Kinn mindern. Probiere das aus, denn ob ein Teil bei deinem Helm und deiner Sitzposition hilft, zeigt nur eine Probefahrt.
5. Scheibe und Sitzposition anpassen. Eine höhere oder niedrigere Scheibe verlagert die Turbulenz. Schon wenige Zentimeter Veränderung der Scheibenhöhe oder der Kopfhaltung können den Wind am Helm hörbar ändern. Fahre dieselbe Strecke bei gleichem Tempo vor und nach der Änderung, damit du vergleichen kannst.
Die ISVR-Messungen zeigen, was solche Maßnahmen realistisch bringen: Einfache Änderungen an der Helmabdichtung senkten den Pegel am Ohr um 5 bis 8 dB. Das ist hörbar und angenehm, bei einem Ausgangspegel von rund 84 bis 95 dB(A) liegst du danach aber immer noch in einem Bereich, in dem Gehörschutz sinnvoll bleibt.
Reicht ein leiserer Helm, damit du keine Ohrstöpsel brauchst?
Meistens nicht. Selbst der leiseste Helm im ADAC-Test erreichte bei 100 km/h rund 84 dB(A), und die Maßnahmen aus dem vorigen Abschnitt nehmen im besten Fall einige Dezibel weg. ISVR zeigte zudem, dass erst ein Testhelm mit aktiver Geräuschunterdrückung im Windkanal Pegel von 70 dB(A) bei 80 km/h und 80 dB(A) bei 115 km/h erreichte, also einen erheblichen technischen Aufwand brauchte. Dieselben Forscher nennen als einen anderen Weg zu ähnlich niedrigen Pegeln gute Ohrstöpsel.
Drehe die Frage deshalb um. Der Helm und seine Abdichtung bestimmen, wie laut die Fahrt ist, der Ohrstöpsel bestimmt, wie viel davon dein Ohr erreicht. Ein ruhiger Helm macht die Fahrt angenehmer, ersetzt den Gehörschutz aber nicht, und beides lässt sich kombinieren. Wie Ohrstöpsel im Vergleich zu aktiver Geräuschunterdrückung abschneiden, schauen wir uns in Ohrstöpsel vs. Noise-Cancelling-Kopfhörer an.
Kann Fahren mit Helm das Gehör schädigen?
Dauerhafte Lärmbelastung kann das Gehör schädigen, und der Helm steht dem nicht im Weg. Eine Studie von McCombe und Kollegen ließ 18 Fahrer eine Stunde lang mit 80 mph (rund 129 km/h) fahren. Unmittelbar danach zeigte sich eine vorübergehende Hörschwellenverschiebung, mit im Mittel 10,3 dB bei 1 kHz. Bei 246 Motorradfahrern lagen die Hörschwellen zudem bei 0,5 und 1 kHz um 3,7 und 3,6 dB schlechter als bei der Vergleichsgruppe.
Klingeln oder ein Wattegefühl nach der Fahrt sind ein Warnzeichen, dass das Ohr zu viel Lärm abbekommen hat. Bleiben die Symptome bestehen oder treten sie wiederholt auf, lass dein Gehör bei einer HNO-Ärztin oder einem HNO-Arzt prüfen. Mehr zum Zusammenhang erfährst du im Ratgeber Tinnitus durch Motorradfahren. Ohrstöpsel verringern die Lärmbelastung, sie behandeln aber keine Ohrgeräusche.
Wie sieht ein vollständiger Gehörschutz auf dem Motorrad aus?
Helm und Ohrstöpsel übernehmen verschiedene Aufgaben. Der Helm schützt den Kopf und lässt sich mit den oben genannten Maßnahmen etwas leiser machen. Der Ohrstöpsel senkt den Pegel, der tatsächlich im Gehörgang ankommt. Welche Bauform sich eignet, haben wir im Ratgeber Gehörschutz fürs Motorrad zusammengefasst, und die Unterschiede zwischen Schaumstoff und Filter erklärt der Vergleich Schaumstoff vs. Filter-Ohrstöpsel für Motorradfahrer.
Für diese Aufgabe haben wir den Moto+ entwickelt. Er ist nach EN 352-2 mit 24 dB SNR geprüft (H 24 / M 21 / L 19, PZT GmbH) und dämpft passiv, die Dämpfung steigt mit der Frequenz. Er besteht aus 2-Lamellen-Medizinsilikon, sitzt flach im Gehörgang und hat keinen Stiel, sodass der Helm nicht auf den Stöpsel drückt. Außerdem ist er bis zu 100-mal wiederverwendbar, kommt mit einem Alu-Etui und kostet 26,95 €. Der Laborwert gilt für perfekten Sitz, im Alltag liegt die Wirkung darunter. Wind- und Motorgeräusche werden leiser, wichtige Geräusche bleiben hörbar, nur leiser. Die Variante Moto+ mit AR KI TECH (38,95 €) ergänzt eine Ohrmessung per KI.
Beim Einsetzen kommt es auf die Technik an. Wie du Ohrstöpsel unter dem Helm richtig trägst, erklären wir im Ratgeber über Ohrstöpsel unter dem Helm richtig tragen. Auch die rechtliche Seite beschäftigt viele Fahrer: Nach § 23 StVO darf das Gehör des Fahrzeugführers nicht durch Geräte beeinträchtigt sein. Der ADAC liest das so, dass nicht jeder Gehörschutz geeignet ist, weil unter anderem Warnsignale wie ein Martinshorn wahrgenommen werden müssen. Das ist eine verbreitete Auslegung und keine Rechtsberatung. Mehr dazu steht im Beitrag, ob Gehörschutz beim Motorradfahren erlaubt ist, und die Frage, ob man mit Ohrstöpseln noch den Verkehr hört, beantworten wir ebenfalls getrennt.
Ein Helm ist die wichtigste Schutzausrüstung auf dem Motorrad, und er wird dafür geprüft. Das Gehör gehört nicht zu dem, was er schützen soll. Kaufe den Helm nach Sicherheit, Passform und Komfort, dichte ihn so gut wie möglich ab, und ergänze einen Gehörschutz, damit der Lärm, den der Helm nicht aufhält, dein Ohr nicht erreicht. Gehör wächst nicht nach.
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