Wie laut sind Windgeräusche im Motorradhelm? Messwerte

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Das Wichtigste in Kürze

Straßenmessungen an der University of Ulster ergaben Pegel zwischen 83,6 und 109,4 dB(A) am Ohr des Fahrers. Selbst der leiseste getestete Helm lag oberhalb von rund 90 km/h über 90 dB(A).
Vom Fahrtwind. Ab etwa 65 km/h übertrifft der Windlärm laut ISVR (University of Southampton) die Geräusche des Motorrads selbst. Hauptquelle sind Turbulenzen am Rand der Windschutzscheibe, die auf den Helm treffen.
Die Ulster-Messungen zeigen im Mittel rund 2 dB(A) mehr je 10 km/h beim Naked Bike und 2,5 dB(A) beim Motorrad mit Verkleidung.
Eine Studie mit 246 Motorradfahrern fand bei 0,5 und 1 kHz eine um 3,7 und 3,6 dB schlechtere Hörschwelle als bei Vergleichspersonen. Nach einer Stunde bei 80 mph (rund 129 km/h) lag die mittlere vorübergehende Verschiebung bei 10,3 dB.
Rechnerisch halbiert jede Erhöhung um 3 dB die Zeit, die dieselbe Lärmenergie ergibt. Bei 100 dB(A) ist die Tagesdosis von 85 dB(A) über 8 Stunden schon nach etwa 15 Minuten erreicht.
Nein. Kein Helm im Ulster-Test hielt den Pegel bei höherem Tempo unter 90 dB(A). Er ist kein Gehörschutz.

Wie laut sind Windgeräusche im Motorradhelm? Auf der Straße gemessen liegen sie zwischen 83,6 und 109,4 dB(A) am Ohr des Fahrers, je nach Tempo, Maschine und Helm.

Der Motor ist dabei nicht die Hauptquelle. Es sind Turbulenzen am Rand der Windschutzscheibe, die auf den Helm treffen, und sie nehmen mit dem Tempo zu, egal was du fährst. Weil der Lärm als gleichmäßiges Rauschen kommt und nicht als plötzlicher Schmerz, wird er leicht unterschätzt.

Bei Bollsen, einem Familienunternehmen für Gehörschutz mit in Deutschland geprüften Silikon-Ohrstöpseln (24 dB SNR), sind unsere Ohrstöpsel für Motorradfahrer genau deshalb auf den Fahrtwind ausgelegt. Dieser Artikel zeigt, was veröffentlichte Messungen tatsächlich sagen, mit der Quelle zu jeder Zahl.

Wie laut ist es bei welchem Tempo im Helm?

Eine einzelne Tabelle mit „Tempo gleich Dezibel“ gibt die Forschung nicht her, denn der Pegel hängt von Maschine, Scheibe, Helm und Haltung ab. Belastbar sind diese Messwerte aus der Studie der University of Ulster zu Berufsmotorradfahrern (ICBEN 2003), dem Messprojekt der University of Southampton (ISVR) zu Lärm unter Motorradhelmen und der Studie „Hearing loss and motorcyclists“ auf PubMed:

TempoMesswertQuelle
ab ca. 65 km/hWindlärm am Ohr übertrifft die Geräusche des Motorrads selbstISVR, University of Southampton
ab ca. 90 km/hauch der leiseste getestete Helm liegt über 90 dB(A)Jordan et al., University of Ulster
je +10 km/him Mittel +2 dB(A) beim Naked Bike, +2,5 dB(A) mit VerkleidungJordan et al., University of Ulster
Straße, verschiedene Helme und Tempi83,6 bis 109,4 dB(A) am OhrJordan et al., University of Ulster
80 mph (ca. 129 km/h), 1 Stundemittlere vorübergehende Hörschwellenverschiebung 10,3 dB bei 1 kHz (18 Fahrer)McCombe et al. 1995, J Laryngol Otol

Lies die Werte als Bereiche, nicht als feste Punkte. Mit einem Verkleidungsmotorrad liegt der Pegel in der Ulster-Studie im Schnitt 1,5 dB(A) höher als mit einem Naked Bike, und die Scheibe, die dich vor Wetter schützt, erzeugt genau die Verwirbelung, die auf den Helm trifft.

Ist es der Fahrtwind oder der Motor, der das Gehör belastet?

Der Fahrtwind. Ab etwa 65 km/h (40 mph) ist der aerodynamische Lärm am Ohr laut ISVR lauter als das Motorrad selbst, und er steigt mit dem Tempo weiter, wenn der Motor längst gleichmäßig dreht.

Die Southampton-Forscher haben die Quelle in Windkanal und Straßenmessungen eingegrenzt: Es ist nicht die glatte Strömung über die Helmschale, sondern die Turbulenz am Rand des Windschattens der Scheibe. Niedrige Scheiben lenken sie auf den Helmrand am Hals, hohe auf Visier und Stirn.

Ein Pegel, am Straßenrand gemessen, sagt deshalb wenig über deine Belastung. Er beschreibt den Auspuff, nicht den Lärm am Ohr hinter der Scheibe bei Autobahntempo.

Kann Motorradfahren das Gehör schädigen?

Es gibt Belege aus Messungen an Fahrern, nicht nur aus Schätzungen. Die Autoren McCombe, Binnington, Davis und Spencer testeten 18 Fahrer nach einer Stunde bei konstant 80 mph und fanden eine signifikante vorübergehende Verschiebung der Hörschwelle bei 0,25, 0,5, 1 und 2 kHz, am stärksten bei 1 kHz mit im Mittel 10,3 dB.

Dazu kam eine Gruppe von 246 Motorradfahrern, deren Hörschwellen bei 0,5 und 1 kHz um 3,7 und 3,6 dB schlechter waren als bei Vergleichspersonen aus der britischen MRC National Study of Hearing. Die Autoren sehen darin Hinweise auf vorübergehende und bleibende Hörminderung durch das Motorradfahren.

Klingeln oder dumpfes Hören nach der Fahrt ist laut ISVR ein Zeichen für eine vorübergehende Belastung des Gehörs. Wenn Ohrgeräusche oder ein dumpfes Gefühl bleiben, lass dein Gehör bei einer HNO-Ärztin oder einem HNO-Arzt prüfen. Was Fahrtwind mit Ohrgeräuschen zu tun hat, erklärt unser Beitrag zu Tinnitus durch Motorradfahren.

Wie lange darfst du fahren, bevor die Dosis zu hoch wird?

Für das Gehör zählt die Lärmenergie, also Pegel und Dauer zusammen. Das Umweltbundesamt beschreibt, dass eine Erhöhung des Schallpegels um 3 dB einer Verdopplung der Schallintensität entspricht. In der Arbeitsschutz-Praxis wird der Pegel über eine Achtstundenschicht gemittelt, und § 6 der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung nennt dafür den unteren Auslösewert von 80 dB(A) und den oberen von 85 dB(A).

Daraus folgt rechnerisch: Bei 85 dB(A) ist die Tagesdosis nach 8 Stunden erreicht, bei 88 dB(A) nach 4 Stunden, bei 94 dB(A) nach einer Stunde und bei 100 dB(A) nach etwa 15 Minuten. Das ist eine Rechenregel zur Orientierung und keine Aussage über deine persönliche Hörschwelle, denn die Arbeitsschutzwerte gelten für Beschäftigte, nicht für Freizeitfahrten.

Infografik: Alle 3 dB halbiert sich die rechnerische Hörzeit, von 8 Stunden bei 85 dB(A) bis 7,5 Minuten bei 103 dB(A)

Pegel über 90 dB(A), wie sie die Ulster-Messungen oberhalb von 90 km/h zeigen, erreichen rechnerisch schon nach etwa zweieinhalb Stunden die Tagesdosis von 85 dB(A) über 8 Stunden. Dein Pegel am Ohr hängt von Maschine und Helm ab, die Tendenz ist aber eindeutig.

Wie stark sind Berufsmotorradfahrer belastet?

Die Ulster-Autoren rechneten für typische Fahrprofile den Tages-Lärmexpositionspegel aus und schätzten, welcher Anteil der Fahrer nach 45 Jahren im Beruf mehr als 30 dB Hörverlust hat. Jeder untersuchte Fahrertyp lag über der damals geltenden zweiten Aktionsschwelle von 90 dB(A).

BerufsfahrerTages-Expositionspegel (LEP,d)Mehr als 30 dB Hörverlust nach 45 Jahren (Schätzung)
Polizei109,4 dB68 %
Rettungsdienst106,0 dB52 %
Pannenhilfe101,6 dB36 %
Taxi-Motorrad100,4 dB30 %
Tourguide96,1 dB16 %
Kurier93,6 dB12 %
Fahrlehrer92,3 dB8 %

Das sind Modellrechnungen für Menschen, die täglich fahren, und keine Prognose für dich. Sie zeigen aber, wie sich die Belastung Fahrt für Fahrt aufsummiert. Was auf der Rennstrecke zusätzlich zu beachten ist, besprechen wir in Gehörschutz auf der Rennstrecke.

Löst ein leiserer Helm das Problem?

Nicht vollständig. In der Ulster-Studie lag selbst der leiseste Helm oberhalb von 90 km/h über 90 dB(A). Das ISVR fand außerdem, dass die Rangfolge der Helme von der Maschine und der Scheibenhöhe abhängt: Ein Helm, der auf einem Motorrad vergleichsweise leise ist, kann auf einem anderen vergleichsweise laut sein.

Abdichten hilft am Rand. Laut ISVR können einfache Änderungen, etwa ein besser abgedichtetes Visier oder eine bessere Halsdichtung, den Pegel am Ohr um 5 bis 8 dB senken. Der Helm bleibt trotzdem ein Schutz für den Kopf und kein Gehörschutz. Warum der Helm allein nicht schützt, ist ein eigenes Thema, auf das wir in einem eigenen Beitrag eingehen.

Warum weichen veröffentlichte Messwerte so stark voneinander ab?

Weil der Pegel am Ohr von Maschine, Scheibe, Helm und Sitzhaltung abhängt, nicht allein vom Tempo. Die Straßenmessungen reichen von 83,6 bis 109,4 dB(A), und das spiegelt echte Unterschiede zwischen den Fahrern. Verlässlich ist der Verlauf: Mit steigendem Tempo wird es lauter, im Mittel um 2 bis 2,5 dB(A) je 10 km/h. Einzelne Dezibel-Angaben aus Tests und Foren solltest du deshalb mit Vorsicht lesen.

Ab welchem Tempo brauchst du Ohrstöpsel auf dem Motorrad?

Die Daten sprechen für Gehörschutz, sobald der Fahrtwind den Motor übertönt, also ab etwa 65 km/h, und spätestens bei längeren Fahrten auf Landstraße und Autobahn. Das ISVR empfiehlt Fahrern, Ohrstöpsel unter dem Helm in Betracht zu ziehen, und weist darauf hin, dass man mit Gehörschutz langsamer wirkt, sodass man den Tacho im Blick behalten sollte. Welche Optionen es gibt, erklärt unser Beitrag zu Gehörschutz fürs Motorrad. Wie hoch der Dämmwert sein sollte, beantwortet der Beitrag dazu, welchen SNR-Wert du fürs Motorrad brauchst, und die Unterschiede zwischen Schaumstoff vs. Filter-Ohrstöpsel haben wir ebenfalls gesondert aufbereitet.

Zur Legalität: Nach § 23 Abs. 1 StVO muss, wer ein Fahrzeug führt, dafür sorgen, dass sein Gehör nicht durch Geräte oder Ähnliches beeinträchtigt wird. Wie das für Gehörschutz üblicherweise gelesen wird, ist keine Rechtsberatung; entscheidend ist, dass du Warnsignale und Verkehrsgeräusche weiterhin wahrnehmen kannst.

Bei Bollsen gibt es den Moto+ (24 dB SNR), einen flachen, wiederverwendbaren Ohrstöpsel aus 2-Lamellen-Medizinsilikon ohne Stiel, der unter jedem Helm passt. Er ist nach EN 352-2 mit 24 dB SNR (H 24 / M 21 / L 19, geprüft bei PZT GmbH) bewertet, dämpft passiv mit steigender Frequenz und liegt bei 250 und 500 Hz bei rund 22 dB. Er ist bis zu 100-mal wiederverwendbar, kommt mit Alu-Etui und kostet 26,95 €. Wind- und Motorgeräusche werden leiser, wichtige Geräusche bleiben hörbar, nur leiser.

Die Messdaten sind für Verbrauchersicherheit ungewöhnlich eindeutig: Ab etwa 65 km/h dominiert der Fahrtwind, der Pegel steigt mit jedem Tempo-Schritt, und nach einer Stunde bei 80 mph lässt sich eine vorübergehende Hörschwellenverschiebung messen.

Das gilt unabhängig davon, welches Motorrad du fährst. Entscheidend sind Tempo und Dauer. Überlege dir, bei welchem Tempo du die meisten Kilometer fährst, und entscheide anhand der Zahl, nicht danach, wie laut es sich anfühlt.