Kapselgehörschutz oder Ohrstöpsel: Was ist bei der Arbeit besser?

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Das Wichtigste in Kürze

Keiner ist pauschal besser. Die DGUV Regel 112-194 hält beide Bauarten bei der Schalldämmung im Grundsatz für gleichwertig. Entscheidend sind Arbeitssituation und Arbeitsumgebung, also wechselnde Lärmphasen, Hitze, Helm, Brille und Tragedauer.
Bei wiederholten kurzen Lärmphasen mit häufigem Auf- und Absetzen, bei Handschuhen, am Schutzhelm montiert und wenn Stöpsel nicht vertragen werden.
Bei andauerndem Lärm, mehrstündigem Tragen, Schwitzen unter Kapseln sowie zusammen mit Brille, Atemschutz oder Gesichtsschutz.
Nicht automatisch. Es gibt Stöpsel und Kapseln mit hoher und mit niedriger Dämmung. Kapseln dämmen laut DGUV bei tiefen Frequenzen im Allgemeinen weniger. Beide machen alles leiser, nicht nur den Lärm.

Am lauten Arbeitsplatz stellt sich früh die Frage: Kapsel auf den Kopf oder Stöpsel ins Ohr? Beide Bauarten haben ihre Berechtigung, und die Antwort hängt weniger vom Preis ab als vom Arbeitsalltag. Dieser Ratgeber vergleicht Kapselgehörschutz (Norm EN 352-1) und Ohrstöpsel (Norm EN 352-2) nach den Kriterien, die in der Praxis zählen: Tragekomfort und Wärme, Helm und Brille, wechselnde Lärmphasen, Hygiene und Kombination. Einen Überblick über das ganze Thema finden Sie unter Ohrstöpsel für die Arbeit.

Worin unterscheiden sich Kapselgehörschutz und Ohrstöpsel?

Kapselgehörschutz sitzt als Schale über dem ganzen Ohr und wird nach EN 352-1 geprüft. Ohrstöpsel sitzen im Gehörgang und werden nach EN 352-2 geprüft. Beide Prüfungen sind getrennt, deshalb lassen sich Messwerte der einen Bauart nicht auf die andere übertragen. Die DGUV Regel 112-194 hält beide Arten bei der Schalldämmung im Grundsatz für gleichwertig: Es gibt Stöpsel und Kapseln mit verhältnismäßig hoher oder niedriger Dämmung. Allerdings haben Kapseln im Allgemeinen bei tiefen Frequenzen eine geringere Dämmung als Stöpsel.

Die Regel zieht daraus einen klaren Schluss: Ob Kapsel oder Stöpsel, richtet sich nicht nach der Schalldämmung, sondern nach der Arbeitssituation und der Arbeitsumgebung. Genau danach gehen die nächsten Abschnitte vor.

Wann ist Kapselgehörschutz bei der Arbeit die bessere Wahl?

Nach Kapitel 6.4.2 der DGUV Regel 112-194 sind Kapseln zu empfehlen, wenn wegen wiederholter kurzer Lärmphasen häufig auf- und abgesetzt werden muss. Wer zwischen lauten und ruhigen Abschnitten pendelt, setzt eine Kapsel in Sekunden auf und wieder ab. Das gilt auch dann, wenn Schutzhandschuhe getragen werden: Laut DGUV lassen sich Kapseln selbst mit Handschuhen in der Regel problemlos handhaben, während kleine Stöpsel dann schwer einzusetzen sind. Dazu kommen Personen, die Stöpsel wegen enger Gehörgänge nicht vertragen.

Auf Baustellen und in der Industrie sind außerdem am Schutzhelm montierte Kapseln verbreitet. Hier dürfen nach der DGUV nur zugelassene Kombinationen verwendet werden, weil sonst die Schutzwirkung sinken kann, etwa durch zu geringen Anpressdruck oder eine falsche Position der Kapseln. Hinweise zu dieser Branche finden Sie unter „Gehörschutz auf der Baustelle“.

Ein Nachteil sollte nicht verschwiegen werden: Kapseln erschweren laut DGUV die Ortung von Schallquellen. Wo aus Sicherheitsgründen gutes Richtungshören nötig ist, etwa im Bereich von Fahrzeugen, wird ein Wechsel zu Stöpseln empfohlen.

Wann sind Ohrstöpsel die bessere Wahl?

Ohrstöpsel sind nach Kapitel 6.4.4 der DGUV Regel 112-194 zu empfehlen bei andauernder Lärmeinwirkung, bei zu starkem Schwitzen unter Kapseln, beim gleichzeitigen Tragen von Brille oder Schutzbrille und wenn weitere persönliche Schutzausrüstung wie Atemschutz oder Gesichtsschutz getragen werden muss. Auch beim Komfort sehen die Verfasser Vorteile: Im Allgemeinen werden Stöpsel bei mehrstündigem Tragen angenehmer empfunden als Kapseln.

Der Grund bei Brillen ist die Dichtung (mehr dazu im Ratgeber Gehörschutz für Brillenträger und unter dem Helm). Bei der Kombination von Kapsel und Schutzbrille ist laut DGUV die mögliche Leckage an den Dichtungskissen durch die Brillenbügel zu berücksichtigen, dann sollten die Kissen breit und weich und die Bügel möglichst flach sein. Ein Stöpsel im Gehörgang hat dieses Problem nicht. Bei häufigem Auf- und Absetzen nennt die DGUV außerdem Bügelstöpsel als Option.

Wie vergleichen sich die Bauarten im Überblick?

Die Tabelle fasst die Empfehlungen der DGUV Regel 112-194 zusammen. Sie nennt bewusst nur Bauarten und keine Marken, und sie macht keine Aussage über einzelne Produkte.

BauartNormPraxisabschlag Ks (DGUV)Helm, Brille, AtemschutzWärme, lange SchichtenTypischer Einsatz
Ohrstöpsel (vorgeformt)EN 352-25 dBFlach im Gehörgang, kollidiert nicht mit Brille oder AtemschutzAngenehmer bei mehrstündigem TragenDauerlärm, ganze Schicht, Brille, Atemschutz
Ohrstöpsel (Schaumstoff)EN 352-29 dBWie vorgeformte StöpselAngenehmer bei mehrstündigem Tragen; bei Kälte vorher anwärmenDauerlärm bei sorgfältigem Einsetzen
BügelstöpselEN 352-25 dBMeist verträglich, Bügel darf nicht anstoßenGut zu tragenHäufiges Auf- und Absetzen
Passive KapselEN 352-15 dBBrillenbügel können die Dichtung störenSchwitzen möglichWechselnde Kurzeinsätze, Handschuhe, enge Gehörgänge
HelmkapselEN 352-15 dBNur zugelassene Helm-KombinationenSchwitzen möglichBaustelle, Industrie mit Helmpflicht
Elektronische KapselEN 352-1je nach BauartWie passive KapselSchwitzen möglichWechselnde Pegel, Kommunikation, Impulslärm

Die Praxisabschläge stehen im Auswahlverfahren der DGUV Regel 112-194: Bei vor Gebrauch zu formenden Stöpseln werden 9 dB abgezogen, bei fertig geformten Stöpseln, Bügelstöpseln und Kapseln 5 dB. Der Hintergrund: Im Alltag erreichen Beschäftigte die Laborwerte oft nicht. Wie die Rechnung funktioniert, erklärt „Wie viel Gehörschutz brauche ich?“.

Was bedeutet das für die Auswahl am Arbeitsplatz?

Ziel ist nach der DGUV ein Restschallpegel von 70 bis 80 dB(A) am Ohr. Darunter ist auf Überprotektion zu prüfen, darüber ist die Dämmung zu gering. Ein Rechenbeispiel für überwiegend mittel- bis hochfrequenten Lärm: Bei 95 dB(A) am Arbeitsplatz und einem M-Wert von 21 dB abzüglich 5 dB Praxisabschlag bleiben 95 − 16 = 79 dB(A) am Ohr. Der tatsächliche Wert hängt von Lärmspektrum, Sitz und Tragedauer ab, im Zweifel klärt ihn die Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Als Beispiel für einen passiven Ohrstöpsel dient der Bollsen WorkPRO: 24 dB SNR nach EN 352-2 (H 24 / M 21 / L 19, geprüft bei der PZT GmbH), aus hypoallergenem Silikon, gelb, flach bauend und mit patentiertem Design. Er kostet 26,95 €. Der WorkPRO ist ein passiver Stöpsel, er macht alles um rund 24 dB leiser. Eine Variante mit Ohrmessung per App gibt es als WorkPRO mit AR KI TECH Ohrmessung für 38,95 €. Ob sich ein flacher Stöpsel zusammen mit einer Kapsel oder einem Helm tragen lässt, muss bei Kombinationen immer geprüft werden, dazu mehr weiter unten.

Was ist mit Warnsignalen und Gesprächen?

Hier lohnt ein ehrlicher Blick: Kapseln und Stöpsel machen beide alles leiser, Lärm ebenso wie Zurufe und Signale. Ein lautes Warnsignal bleibt wahrnehmbar, weil es laut ist, nicht weil der Gehörschutz es bevorzugt durchlässt. Deshalb verlangt die DGUV, dass Warnsignale in Lärmbereichen eindeutig wahrgenommen werden können, und bei zu hoher Dämmung ist Überprotektion unzulässig, wenn Warnsignale oder Kommunikation wichtig sind. Vor der ersten Benutzung ist laut DGUV Regel 112-194, Kapitel 7 eine Hörprobe unter Betriebsbedingungen nötig. Als Auswahlhilfe führt die IFA-Positivliste Zusatzkennzeichen zur Signalhörbarkeit (IFA der DGUV, Signalhörbarkeit beim Tragen von Gehörschutz). Mehr dazu unter „Warnsignale mit Gehörschutz“.

Wie halten Sie Kapseln und Stöpsel hygienisch sauber?

Zum mehrfachen Gebrauch bestimmter Gehörschutz muss laut DGUV Regel 112-194, Kapitel 10 regelmäßig gereinigt werden, um ein Nachlassen der Schutzwirkung und Hautreizungen zu vermeiden. Bei Kapseln betrifft das vor allem die Dichtungskissen, bei wiederverwendbaren Stöpseln die Stöpsel selbst. Ein Desinfektionsmittel ist nicht nötig, normalerweise genügt warmes Wasser mit einem üblichen Reinigungszusatz, und die Angaben des Herstellers sind zu beachten. Bei Hautreizungen oder anderen Ohrproblemen wenden Sie sich an die Betriebsärztin, den Betriebsarzt oder eine HNO-Praxis. Praktische Hinweise finden Sie unter „Gehörschutz reinigen“.

Lassen sich Kapsel und Stöpsel kombinieren?

Bei extrem hoher Lärmbelastung kann eine Kombination nötig sein. Nach der DGUV addieren sich die Dämmwerte aber nicht einfach, es dürfen nur geprüfte Kombinationen mit bekannter Gesamtdämmung eingesetzt werden. Mehr zum Thema steht im Beitrag zu doppeltem Gehörschutz. Wichtig vor jeder Kombination: Fragen Sie die Fachkraft für Arbeitssicherheit, statt Produkte auf eigene Faust zu paaren.

Was sagt das Gesetz zur Auswahl?

Die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung regelt die Pflichten. Ab den unteren Auslösewerten von 80 dB(A) beziehungsweise 135 dB(C) muss der Arbeitgeber geeigneten Gehörschutz zur Verfügung stellen. Ab den oberen Auslösewerten von 85 dB(A) beziehungsweise 137 dB(C) muss er dafür sorgen, dass Sie ihn bestimmungsgemäß verwenden, und der Bereich ist als Lärmbereich zu kennzeichnen. Unter dem Gehörschutz dürfen höchstens 85 dB(A) beziehungsweise 137 dB(C) ankommen (§ 8 LärmVibrationsArbSchV). Gehörschutz ist dabei die letzte Stufe der Rangfolge, vorrangig sind technische und organisatorische Maßnahmen (§ 6). Die Verordnung schreibt keine bestimmte Bauart vor. Ab wann Gehörschutz Pflicht ist, erklärt ein eigener Beitrag zu „ab wann Gehörschutz Pflicht ist“. Das ist keine Rechtsberatung.

Wie entscheiden Sie sich am Ende?

Fragen Sie sich: Wie oft setze ich den Gehörschutz auf und ab? Trage ich Helm, Brille oder Atemschutz? Wie warm wird es? Wie lange am Stück? Bei langen, gleichmäßigen Schichten, Brille und Wärme sprechen die DGUV-Empfehlungen für Stöpsel. Bei häufigem Wechsel, Handschuhen und Helmpflicht eher für Kapseln. Wer den Stöpsel einsetzt, sollte auf den richtigen Sitz achten, ein Leitfaden dazu heißt „Ohrstöpsel richtig einsetzen“. Eine allgemeine Entscheidungshilfe finden Sie unter „welcher Gehörschutz für die Arbeit“. Bei Beschwerden im Gehörgang klären Sie die Wahl mit der Betriebsärztin, dem Betriebsarzt oder einer HNO-Praxis.

Häufige Fragen zu Kapsel und Stöpsel bei der Arbeit

Nicht pauschal. Die DGUV Regel 112-194 bewertet beide Bauarten bei der Schalldämmung im Grundsatz als gleichwertig. Die Wahl richtet sich nach Arbeitssituation und Arbeitsumgebung.
Laut DGUV sind Stöpsel bei zu starkem Schwitzen unter Kapseln und bei mehrstündigem Tragen meist angenehmer.
Ja, aber die Bügel können die Dichtungskissen undicht machen. Die DGUV empfiehlt breite, weiche Kissen und möglichst flache Bügel. Bei Brillen sind Stöpsel oft die einfachere Lösung.
Regelmäßig und nach den Herstellerangaben. Bei Kapseln betrifft das vor allem die Dichtungskissen. Warmes Wasser mit einem üblichen Reinigungszusatz genügt in der Regel.
Er kann bei extrem hoher Lärmbelastung nötig sein. Es dürfen laut DGUV nur geprüfte Kombinationen mit bekannter Gesamtdämmung verwendet werden, weil sich die Dämmwerte nicht einfach addieren.
Nein. Ab den unteren Auslösewerten muss der Arbeitgeber geeigneten Gehörschutz zur Verfügung stellen. Wer privat zusätzlich einen Stöpsel wählt, sollte das mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit abstimmen.